Dienstag, 13.04.2021 13:11 Uhr

Die hebräischsprachige Presse Israels serbelt

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Jerusalem, 03.02.2021, 19:39 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Politik +++ Bericht 5317x gelesen

Jerusalem [ENA] Vor Jahrzehnten stapelten sich an den israelischen Zeitungskiosken Bleiwüsten in Pyramidenhöhe: eine mehrbündige Wochenendausgabe wog so schwer, dass man sie definitiv nicht unter die Achseln klemmen konnte. Heute genügt ein Windstoss, und verflogen ist der pseudointellektuelle Hauch, die gedruckte Meinungspresse versinkt im Friedhof musealer Anwandlungen. Saubere Informationsvermittlung war das Handwerk von gestern.

In Zeiten rasant sich ändernder Lesegewohnheiten bahnt sich beim Volk des Buches ein Paradigmenwechsel an. Die Konzentration des täglich vermittelten Stoffs über das stetig von Spannung durchzogene Geschehen im jüdisch dominierten Mehrvölkerstaat auf bloss wenige Titel zeigt auf, wie schlimm es um die traditionelle Zeitung bestellt ist. Neben wenigen parteipolitisch aufgefächerten arabischen Presseorganen herrscht einzig im wachsenden, vom Internet ziemlich abgeschotteten ultraorthodoxen Bevölkerungsteil ein Boom klassischer Blätter. Da der Werbekuchen für die papierenen Produkte letztes Jahr um 31% auf einen marginalen Anteil von gerade mal 8,2% gesunken ist, steht die Überlebensfähigkeit eingesessener Zeitungen auf des Messers Schneide.

Links statt rechts

Gemäss den halbjährlichen Erhebungen von „Ji’fat“, einem Monitoring-Unternehmen, oszillieren die die gedruckten Zeitungen herausgebenden Verlage rund ums Rentabilitätsminimum. Da es stetig sinkt, wird es 2021 absehbar sogar zur Einstellung einer früher etablierten Zeitung kommen. Vom landesweiten Werbekuchen fliessen drum 43% ins Internet, vor allem zu Google und Facebook, hinzu 39% ins Fernsehen. Zeitungsleser von anno dazumal sind heute nicht mehr wertschöpfend. Lokale Postillen sind reihum eingegangen, nun geht es den lediglich noch vier landesweit vertriebenen Titeln an den Kragen. Ein Grund dürfte die mehrheitlich linksgestrickte ideologische Agenda sein. Sie zeichnet kein getreuliches Bild der politischen Meinungsströme im Volk.

Bloss zwei Schlachtrösser liefern sich noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen: da ist die von rechts nach links gewanderte „Yedioth Acharonot“ (Letzte Nachrichten), die noch über einen Marktanteil von 20,4% verfügt. Lange führte sie einen Kampf gegen die früher rechtsgerichtete, heute bestenfalls mittig reportierende „Israel Hayom“ (Israel heute) - Marktanteil 22,3% -, welche gratis erhältlich ist. Sie wollte sogar die vom kürzlich verstorbenen Milliardär Sheldon Adelson, einem Casino-Magnaten aus Las Vegas, gesponserte Konkurrenz via parlamentarischen Entscheid die Lizenz entziehen. Am linksextremen Rand, ideologisch betrachtet postzionistisch und antijüdisch, dümpelt „Ha'aretz“ (Das Land) mit 4% vor sich hin.

Die ehemals konservativ orientierte Abendzeitung „Ma’ariv“ hat sich parteipolitisch ins progressive Lager verschoben und bringt noch 2,6% Anteil an der Gesamtleserschaft auf die Wage. Natürlich muss man diesen Krebsgang auch vor dem Hintergrund des stagnierenden Werbekuchens (4 Mia. Schekel) interpretieren. Keine Geiss kann die unsägliche Filterblase wegschlecken. In den Redaktionen hat man sich meinungsmässig eingemummelt, gaukelt Spiele fürs Volk vor, bietet indes dem anvisierten Publikum bloss Voreingenommenheit. Dieses hat sich auf leisen Sohlen längst weggeschlichen. Eine Gazette auf dem Boden hebt heute niemand mehr auf. Früher stritt man sich darum, wer den Sports- oder fetten Aufmacherteil zuerst beaugapfeln darf. Tempi passati!

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