Donnerstag, 21.11.2019 23:44 Uhr

Der neue Exodus von Istanbul

Verantwortlicher Autor: Helge Lindau Istanbul, 11.08.2019, 13:37 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Politik +++ Bericht 6771x gelesen
Betsy Penso - Rechtsanwältin
Betsy Penso - Rechtsanwältin  Bild: Helge Lindau

Istanbul [ENA] Innerhalb weniger Jahre haben die jüdischen Gemeinden in Istanbul empfindlich an Mitgliedern verloren. Die jüdische Bevölkerung flieht vor dem immer aggressiver werdenden Antisemitismus und vor dem deutlich zu spürenden Rechtsruck im Lande. Ein Bericht zur aktuellen Situation.

Im Museum der türkischen Juden, gleich neben dem Galataturm ist man relativ sicher. Um in das Museum zu gelangen, muss man durch zwei gepanzerte Türen, die niemals gemeinsam geöffnet werden. Dann geht es weiter durch einen empfindlich eingestellten Metallscanner und das Handgepäck wird auf verbotene Gegenstände hin geröntgt. Am Ende wird noch der Reisepass eingezogen und gegen eine ID-Karte getauscht, die man gut sichtbar bei sich tragen muss. Wer nun meint dies sei vielleicht etwas übertrieben, dem sei versichert, dass diese Maßnahmen nötig sind, um die eigene und die Sicherheit des Museums zu garantieren. Schon mehrmals wurden jüdische Einrichtungen angegriffen.

Ist man dann erst einmal im Museum, hat man die Möglichkeit eine brillante und moderne Ausstellung über die Geschichte der Juden in der Türkei zu sehen und erhält sogar Zugang in die nebenan liegende Neve-Shalom-Synagoge. „Zur Zeit der Hitlerdiktatur gab es so gut wie keinen Antisemitismus in der Türkei.“, erklärt Nisya Allovi, Direktorin des Museums. „Im Gegenteil! Die Türkei nahm viele Juden, die aus Europa flüchteten auf. Allein 200 geflüchtete jüdische Professoren lehrten in und nach dieser Zeit an türkischen Universitäten.“ Die Geschichte der Juden in der Türkei ist sehr alt und reicht zurück bis zur Zerstörung des ersten Tempels in Jerusalem vor 2600 Jahren.

Fragt man Frau Allovi allerdings wie es heute mit dem Antisemitismus in der Türkei aussieht und wie er sich im Alltag auf den Straßen bemerkbar macht, erfährt man, dass sie sich mit der Geschichte und der Kultur der Juden beschäftigt und sie sich auf keinem Fall politisch äußern wird. Doch geht man durch den Stadtteil Beyoglu, der an der Prachtstraße Istiklal grenzt, so fallen einem schnell die Graffitis und Schmierereien an den Häuserwänden auf, wie „Babykiller Israel“ oder durchgestrichene Davidsterne. Fragt man wahllos Leute auf der Straße, so ist die häufigste Meinung die man hört: „Die Scheißjuden denken doch sie wären besser als wir.“

Die meisten der jetzt hier hier lebenden Juden, stammen von den sephardischen Juden ab, die in den 1490er Jahren vor der spanischen Inquisition flohen oder von dieser vertrieben wurden. 
Doch Spanien und Portugal erkennen heute diese Menschen als ihre Staatsbürger an, wenn sie ihre Abstammung einwandfrei nachweisen können. Diesen Nachweis juristisch zu erlangen, dafür sorgt auch Betsy Penso (Bild oben). Die sympathische 27-jährige ist Rechtsanwältin und in der jüdischen Gemeinde von Istanbul aktiv. „Nach dem Krieg lag die Anzahl der Juden noch bei weit über 50.000 Menschen. Heute sind es vielleicht noch 12.000.“, erklärt Frau Penso.

Anfragen bei der jüdischen Gemeinde bleiben generell unbeantwortet. Man möchte keinen großen Kontakt zu den Medien haben, um die Stimmung gegen die Juden nicht noch weiter aufzuheizen. Betsy Penso ist eine der wenigen, die für ein Interview zur Verfügung steht. „Probleme die zwischen den Juden und der Regierung anstehen, werden auf diplomatischen Wegen gelöst.“, erläutert die junge Rechtsanwältin. „Wenn wir damit an die Öffentlichkeit gehen würden, würde der Druck auf uns noch mehr wachsen. Unsere Gegner denken, dass wenn sie uns angreifen, auch damit gleichzeitig Israel angreifen.“

Der Antisemitismus, der die Juden aus dem Land treibt, äußert sich nicht nur in verbalen Beleidigungen, Angriffen auf jüdischen Einrichtungen und Schmierereien an Häusern, sondern auch in den nationalistischen und faschistischen Gedankengut, das zunehmend Anklang bei den Einwohnern findet. Seit 2015 wird das Buch ‚Mein Kampf‘ unkommentiert in den Buchhandlungen verkauft. Orhan (Name vom Autor geändert), ein Buchhändern an der Istiklal sagt: „‚Mein Kampf‘ haben wir nicht. Es ist ausverkauft. Nach der Lieferung haben wir es nur ein paar Stunden im Laden. Es verkauft sich sehr schnell.“ Auf Platz vier der Bestsellerliste steht nun auch ein Buch mit dem Titel ‚Hitlers Generäle berichten‘.

Der Antisemitismus in der Türkei unterscheidet sich in einem Punkt deutlich von dem in Europa. In Europa ist er generell gegen die Juden als Menschen gerichtet. In der Türkei ist er in erster Linie gegen den Staat Israel gerichtet. Also eher ein Antizionismus. Das Verhältnis zwischen Erdogan und Netanjahu ist angespannt wie nie zuvor. Will Erdogan gegen Israel Forderungen durchsetzen, so benutzt er die türkischen Juden als Geiseln. Erst im März drohte er in Richtung Israel auf einer Wahlkampfveranstaltung sinngemäß damit, das er noch keine Synagogen angegriffen habe. Wenn man diesen Faden weiterspinnt, kann man schlussfolgern: Was nicht ist kann ja noch werden.

Die meisten jüdischen Menschen in Istanbul habe Angst ihre Namen zu nennen. Sie befürchten sie könnten somit als Juden eingestuft und Angriffen ausgesetzt werden. Betsy Penso will den Kampf gegen den Antisemitismus in der Türkei nicht aufgeben. Trotzdem will auch sie im Oktober das Land verlassen und geht erst einmal für ein Jahr nach Israel. „Ich liebe Istanbul.“ sagt sie, „Und ich bin von ganzem Herzen Istanbulerin. Das ist meine Heimatstadt, egal ob ich Jüdin bin oder nicht.“ Ob es jedoch bei nur einem Jahr in Israel bleiben wird, weiß sie noch nicht genau und macht es von der politischen Situation in ihrer jetzigen Heimat abhängig.

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